Schulkultur

Gerald Hüther, Prof. für Neurobiologie (Textauszug)

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Auf dem Weg zu einer anderen Schulkultur:

Die Bedeutung von Geist und Haltung aus neurobiologischer Sicht

Weder gelingt es, die Haltung eines Menschen durch kognitive Strategien zu verändern (überreden, belehren, unterrichten etc.). Noch sind emotionale Strategien (Bestrafung, Belohnung, Umarmung, Zuwendung) geeignet, einmal erworbene Haltungen eines Menschen zu verändern.

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Angesichts dieser Situation wird das Dilemma begreiflich, vor dem jeder Schulveränderer steht: Das, was zu verändern wäre, sind die Haltungen (der Schulleiter, der Lehrer, der Schüler, auch der Eltern). Aber genau die lassen sich durch all die Verfahren, die seit Generationen bisher eingesetzt worden sind, um zu erreichen, dass Menschen sich so verhalten, wie das aus was für Gründen auch immer als wünschenswert erschien, nicht verändern. Durch gutes Zureden nicht, durch kluge Ratschläge nicht, nicht durch Bestrafung oder Belohnung, noch nicht einmal durch liebevolle Zuwendung und emotionale Umarmungen.

All das, was bisher immer wieder versucht worden ist, um Menschen zu verändern, funktioniert also nicht, wenn es darum geht, einen Menschen zu einer Änderung seiner Haltung, seiner inneren Überzeugung, seiner Gesinnung zu bewegen.

Das Einzige, was geeignet wäre, Haltungen zu verändern, ist genau das, was wir in unserer vom Machbarkeitswahn und von Effizienzdenken geprägten Welt am wenigsten beherrschen: andere Menschen einzuladen, zu inspirieren, sie zu ermutigen, noch einmal eine neue Erfahrung zu machen. Weil ja individuell erworbene Haltungen durch entsprechende Erfahrungen entstanden sind, können andere Haltungen auch nur durch andere Erfahrungen gemacht und im Hirn verankert werden. So einfach ist das. Und doch so schwer für all jene, die nicht in der Lage sind oder die Fähigkeit verloren haben, andere Menschen einzuladen, zu inspirieren, zu ermutigen, eine neue Erfahrung zu machen. Denn um andere Menschen einladen, inspirieren, ermutigen zu können, muss man diese Anderen mögen, müssen einem diese Anderen wichtig sein, ebenso wie das, wozu man sie gern einladen, inspirieren und ermutigen möchte.
Dienstleister und Pflichterfüller sind dazu einfach nicht in der Lage. Sie haben eine dafür nicht geeignete Haltung.

Damit ein solcher anderer Geist, also ein günstiges Klima für das Lehren und Lernen in einer Schule entstehen kann, muss sich jemand um diesen Geist kümmern. Dazu müssten in der Schule und im Unterricht Erfahrungsräume geschaffen werden, die die Herausbildung eines solchen „guten Geistes“ der gegenseitigen Wertschätzung, Achtung und Unterstützung, der Leistungs- und Lernbereitschaft, des Herausforderns und des Förderns und des miteinander Lebens und Lernens, also im weitesten Sinn der Potenzialentfaltung auf Seiten der Lehrer wie auch auf Seiten der Schüler ermöglichen.

Ein solcher Potenzialentfaltungsgeist kann freilich nur dann in einer menschlichen Gemeinschaft entstehen, wenn das Zusammenleben und das gemeinsame Lernen nicht mehr von Angst, Leistungsdruck und Wettbewerb bestimmt werden.Und innerhalb dieses Druck erzeugenden Wettbewerbssystems sind es zwangsläufig immer diejenigen, die am wenigsten verängstigt, unterdrückt und von anderen abhängig geworden sind, also die stärksten, authentischsten Persönlichkeiten, die den Geist einer Schule bestimmen.Das sollte eigentlich der Leiter oder die Leiterin einer Schule sein. Aufgrund ihrer besonderen Stellung, ihrer langen Erfahrung, ihrer starken Persönlichkeit und ihrer bewusst zum Ausdruck gebrachten Haltungen müssten sie am ehesten in der Lage sein, andere einzuladen, zu inspirieren und zu ermutigen, eine neue Erfahrung zu machen..Supportive Leadership“ nennt man die neue Führungskultur in der Wirtschaft. 

Und das heißt nichts anderes, als das derjenige, der mehr Einfluss, Verantwortung und Erfahrung besitzt, alles was in seiner Macht steht, auch wirklich tut, um die Potenziale seiner Mitarbeiter zur Entfaltung zu bringen.

© H.B.Schmid  2017